Wann kommt die Impfpflicht?

Ich liege im Bett, Corona-frei erkältet, und scrolle durch die Berichterstattung zu Covid 19. Ich hatte ein bisschen den Anschluss verloren, dieses Virus bestimmt inzwischen schon so lange unseren Alltag, dass mich das Gefühl beschlichen hatte, es sei schon alles gesagt.


Im Prinzip stimmt das auch, nur: Wir fangen gerade einfach wieder von vorne an. Die Inzidenzen sind riesig, gerade hier in Sachsen, die Ansteckungsgefahr damit vor allem aber nicht nur für Ungeimpfte größer denn je, die Intensivstationen sind heillos überlastet. Und: Über jede Pups-Maßnahme, die diese Lage verbessern könnte, wird diskutiert, als solle flächendeckend Strychnin ins Trinkwasser eingespeist werden. Wir argumentieren ähnlich wie mein fünfjähriger Sohn im Angesicht der Zahnbürste, aber genauso dringend wie das Zähneputzen ist eben auch: die höhere Impfquote. Die Alternative (für Deutschland) lautet Durchseuchung, und das bedeutet faktisch, schwächere Menschen sterben zu lassen, damit wir uns nicht impfen lassen müssen. Kinder und Kranke. Ernsthaft?

Kinder und Kranke. Ernsthaft?

Das böse Wort in dieser Debatte lautet „Impfpflicht“, und natürlich ist das auch nicht schön: Der Staat greift in die körperliche Unversehrtheit der Bürger_innen ein. Absolut problematisch.
Allerdings tut der Staat das sowieso – auch wenn er keine Impfpflicht einführt. Etwa wenn Eltern durch die Schulpflicht gezwungen sind, ihre ungeimpften Kinder zur Schule zu schicken. Oder wenn ein_e Herzpatient_in stirbt, weil die Notaufnahme wegen Covid 19 überfüllt ist und ein weiter entferntes Krankenhaus angefahren werden muss. Oder auch ganz einfach, wenn wir alle, ob geimpft oder ungeimpft (die Impfung schützt nur vor schweren Verläufen) bei jedem verdammten Einkauf Angst vor der Ansteckung haben müssen.

Oder auch nicht, denn hat man von diesem Zustand längst die Nase voll und will einfach leben. Demo, Clubbing, Kölle Alaaf. Ich kann`s verstehen. Aber die Quittung kriegen wir dann auch wieder alle.


Jede potentielle Wähler_innenstimme von einem_r Querdenker_in scheint genauso viel wert zu sein, wie die von 10 Impfbefürworter_innen. Dabei wird man diese Menschen sowieso nicht erreichen. Ob Geflüchtete, Umweltschutz oder eben Covid-19, es gibt in Deutschland eine Szene, die sich auf die großen Themen draufsetzt und sie für sich nutzt. Und je mehr Raum man ihnen gibt, desto mehr Menschen verunsichern sie. Das ist hier passiert.

Ich will die Impfpflicht. Für alle.

Und deshalb bin ich da jetzt auch komplett undiplomatisch.
Ich will die Impfpflicht. Für alle.
Ich will, dass alle Bürger_innen ihren Impftermin unaufgefordert vom Gesundheitsamt bekommen, und wer den nicht einhält, muss entweder ein Attest des_der Amtsarzts_ärztin einreichen, oder bis zur Bewältigung des Infektionsgeschehens zu Hause bleiben.
Ich will, dass das kontrolliert wird.
Und ich will zusätzlich Vernunft im alltäglichen Zusammenleben: Keine Großveranstaltungen bei den aktuellen Inzidenzen.
Ist das nicht einfach gesunder Menschenverstand?
Oder bin ich da komplett verblendet?
Grüße vom Erkältungslager.

Ich fühl’s nicht. Der Wahlkampf auf Instagram.

Aus einer eigenartigen Faszination heraus folge ich schon lange Philipp Amthor auf Instagram. Es ist langweilig (Texte) bis verstörend (Bilder). Vor der Wahl habe ich mein Interesse auf Spitzenpolitiker_innen aller großen Parteien ausgedehnt.

Ich fühl’s nicht. Die Bundestagswahl 2021 steht unmittelbar bevor, und anstatt Argumente vorgetragen zu bekommen, gucke ich mir bei einem blauhaarigen YouTuber an, welche Politiker_innen besonders korrupt sind. Das sind Inhalte, die besprochen werden müssen. Und im Gegensatz zu den Kolleg_innen im Bundestag hat er verstanden, wie social media funktioniert. Literally.

Da wäre zum Beispiel die CDU. Das Strickmuster von Amthor geht so: Gestern war ich in/an/auf ___________. Gute Gespräche und spannende Diskussionen mit __________. Danke _______ für die Organisation dieser Veranstaltung! Gemeinsam konnten wir zeigen: Kluge Sachpolitik statt linker Experimente! Plus Bild von Amthor in Anzug und mit einem Karpfen. Oder so. Wahrscheinlich hat er sich diesen Lückentext auf den Unterarm tätowiert, er nutzt ihn jedenfalls ausgiebig. Noch nie dürfte ich lesen, was diese klare Sachpolitik für Ziele verfolgt, worin sie besteht… Nix. Also mal lieber bei Armin Laschet vorbeischauen.

Da läuft der Laden nämlich.

Nordrhein-Westfalen. Armin Laschet postet gern zu Nordrhein-Westfalen. Da läuft der Laden nämlich. Ansonsten sieht man viele Bilder mit einem freundlichen Gesicht (ja, ich meine schon seins). Je näher die Wahl rückt, desto größer ist natürlich schon der Druck, insofern verirren sich inzwischen auch Zeilen aus dem Parteiprogramm in die Texte. Was diese mit seiner Person zu tun haben, was ihm besonders wichtig ist, wie er persönlich Politik gestalten will? Ich fühl’s nicht und ich lese es auch nicht.

Als Sahnehäubchen dann noch Friedrich Merz dabei zuzusehen, wie er durch das Sauerland marschiert (spaziert kann ich da einfach nicht sagen) gibt der Sache dann den Rest: Merz würde alles tun, damit ihm die CDU wieder gehört, und wenn er für dieses Instagram raus in die Natur muss, dann bitte. Er geht mit der Zeit. Und die Zeit geht ihm bitte aus dem Weg.

Und wie sieht’s bei den Freund_innen der CDU aus, was macht die FDP? Christian Lindner postet fleißig, bringt auch ein paar Inhalte unter und zählt gerne die anstehenden Wahlkampf-Termine aus. Alles ganz ordentlich gemacht. Ich fühl’s trotzdem wieder nicht, und der Grund ist banal: Ich bin eine arbeitsunfähige Künstlerin, die auf die 40 zugeht und kein Wohneigentum hat. Mich gibt es bei der FDP nicht. Wir haben uns nichts zu sagen. Ich werde „es“ nicht aus eigener Kraft schaffen. Wohlwollend nehme ich noch zur Kenntnis, dass Lindner sich einen Bart hat stehen lassen, so dass man die aktuellen Bilder von denen der letzten Wahl unterscheiden kann. Und damit bin ich raus.

Ich muss hässlich lachen.

Wenden wir uns den linken Parteien zu, denke ich, muss hässlich lachen und suche nach Olaf Scholz. Der megalinke Shootingstar der Umfragen. Natürlich auch auf Insta. Allein… Er postet nichts! Alle paar Jahre mal ein blasser Text, keine Stories, die SPD ernährt sich von alten Leuten, und die sind nicht in den sozialen Netzwerken unterwegs. Und außerdem klappt es so prima, sich einfach hinter Laschet zu verstecken während dieser vor sich hinonkelt, dass man da noch nicht früher drauf gekommen ist… Jedenfalls: Keine Ahnung, wofür Olaf Scholz inhaltlich steht, ich weiß nur Cum-Ex und Wirecard. Obwohl er dazu auch nichts schreibt. Aber das kommt irgendwie in jedem Text vor, den ich über ihn lese. Danke, liebe informierte Texteschreiber_innen!

Die CDU wird natürlich nicht müde zu beschwören, dass es nach der Wahl ein rot-rotes Bündnis geben würde, und dass damit Stalin kurz vor Berlin stehen würde, praktisch. Das ist natürlich möglich, aus dem Instagram-Auftritt von Janine Wissler geht das eigentlich aber nicht hervor. Hier findet man fundierte Überschriften zu Texten, die es nicht gibt, Auflistungen von Tourdaten und Fotos von Plakaten in Bildzeitungsoptik. Keine Ahnung, welchen Bezug die Kandidatin zu ihren Themen hat. Keine Ahnung, was sie auf Instagram überhaupt will. Auch hier gilt wieder: Ich fühl’s nicht.

Da steckt viel Arbeit drin.

Gibt es denn auch ein Positivbeispiel? Na klar, ich habe es mir bis zum Schluss aufgehoben: Annalena Baerbock und Robert Habeck. Jeden Tag posten sie beide einen längeren Text, in dem sie erst auf die Orte eingehen, die sie besucht haben, von dort zu einem Thema kommen, ihren Bezug dazu erklären und dann auf die betreffenden Pläne ihres Programms eingehen. Da steckt viel Arbeit drin, soviel Arbeit macht sich keine andere Partei. Vermutlich verschrecken die langen Texte bildungsferne Wähler_innen, grundsätzlich sind sie aber einfach und klar formuliert. Von den Grünen weiß ich ziemlich genau was sie wie machen wollen. Isso.

Insgesamt aber war der Wahlkampf auf Instagram beleidigend langweilig. Und so hoffe ich einmal mehr, dass die Zeit der Trielle und großen Reden schnell vorbeigeht. Wen ich wähle? Normalerweise erzähle ich das nicht. Aber dieses Mal ist es einfach:

Ich habe einen kleinen Sohn. Ich will nicht, dass er gegrillt wird. Deshalb wähle ich die Partei mit dem besten Klimaschutzkonzept. Und das sind objektiv die Grünen. Ob mit Instagram oder ohne.

Bitte wählt die auch. Das fühle ich. Danke.

PS: Falls irgendein Schlaumeier anmerken möchte, dass ich die AfD vergessen habe: Ja. Das war auch so gemeint. Danke.

PPS: Und die CSU? Ich folge Andi Scheuer. Textende.

Von Pädagogik in Kultur und Sport

Mein Sohn interessiert sich für Fußball. Anlass für mich, über die integrative Kraft von Sport nachzudenken und ziemlich unzufrieden mit den Fußballvereinen zu werden.

Wieder und wieder wird die integrative Kraft des Sports beschworen. Als mein Sohn sich für Fußball interessiert, mache ich mir Gedanken und vergleiche Kultur- und Sportpädagogik in Bezug auf Integration. Spoiler: Der Sport schneidet nicht so toll ab.

Und dann war es passiert: Mein kleiner Sohn stand fasziniert am Rand des Fußballplatzes und sah den kickenden „großen“ Jungs zu. Vor meinem inneren Auge zog das nächste Hobby in unsere Familie ein, ein weiteres Hobby, mit dem ich nichts am Hut habe: Sportvereine. Als hätte seine Autoleidenschaft mir nicht gereicht. Nun also: Fußball.

Damit wir uns richtig verstehen: Gegen den Sport „Fußball“ habe ich nichts, im Gegenteil, ich habe selbst gespielt. Mit der inoffiziellen Mannschaft der Theaterwissenschaft SPVGG Nemesis bolzte ich jeden Sonntag durch den Park, und unser einziges Spiel gegen die Medizin verloren wir nur knapp (0:6). Das Ganze war eine wunderbare Erfahrung, ging es in dieser Mannschaft doch darum zu lachen und befreundet zu sein. Seitdem mache ich (wieder) gerne Sport. Nur eben ohne das Leistungsprinzip.

Und noch ein weiterer Punkt zum richtigen Verständnis: Ich habe auch überhaupt nichts dagegen, wenn talentierte Kinder und Jugendliche ihren Sport auf hohem Niveau betreiben und danach streben, besser zu werden – so sie das selber wollen. Ich möchte niemanden aufhalten. Aber dass es im Schulsport weniger um Leistungssport und mehr um Gesundheitsförderung gehen sollte, ist meines Erachtens eine Selbstverständlichkeit.

Es geht immer mehr um Leistung.

Da stand er nun also, mein Sohn, eine Horde Grundschüler kickte hingebungsvoll, ein Vater/Torwart gab den Trainer und viele schlaue Anweisungen. Später am Abend ließ ich meine Gedanken schweifen und googlete ein paar Leipziger Fußballclubs. Auf der Ebene der „Bambini“, also der Kindergartenkinder, war viel von Spiel und Spaß die Rede, die Leistung stand nicht im Vordergrund. Nach und nach sollte dann während der Grundschulzeit das Spielen gegen andere Vereine etabliert werden, mit anderen Worten Tuniere. Es geht also von Jahr zu Jahr mehr um Leistung. Wer Fußball spielt, möchte das Spiel gewinnen, das liegt in der Natur der Sache.

Gedanklich wanderte ich weiter zu zahllosen Gelegenheiten, bei denen die integrative Kraft des Sports und die Wichtigkeit der Sportförderung hervorgehoben wurden. Und dann eben wirklich zum Traumziel der Kinder und Jugendlichen, dem Spitzensport. Der Spitzenfußball ist reich, mehr als reich. Aber integriert er die Menschen? Ein kurzer Blick zurück auf die EM und die Haltung der UEFA zum Bekenntnis zu LGBTQI+ reicht, um Grenzen sichtbar zu machen. Und überhaupt, diese Haltung um jeden Preis unpolitisch zu sein, was ganz offensichtlich sowieso nicht funktioniert – führt die zur Integration von Menschen, oder steht ein Arbeiter in Katar nicht doch eher draußen? Und mit „draußen“ meine ich außerhalb eines Raums, in dem Menschenrechte und Menschenwürde von Bedeutung sind. Könnte die FIFA nicht einfach sagen, jawohl, wir halten uns raus aus der Tagespolitik, aber die UN-Menschenrechtskonvention, an die halten wir uns öffentlich? Würde halt viele nice Geschäfte stören.

Da war ich nun bei den großen politischen Unstimmigkeiten des Spitzensports angekommen, und dabei war ja noch nichts weiter passiert, nur ein paar kickende Jungs und ein faszinierter Sohn. Aber was würde geschehen, falls er wirklich in einen Sportverein gehen wollen würde? Ich würde ihn natürlich lassen. Und insgeheim würde ich seinen Verein, die dortige sportpädagogische Arbeit mit der kulturpädagogischen Arbeit vergleichen, die ich früher gemacht habe, die soviele Kolleg_innen immernoch machen. Gehen die Trainer_innen auf die Ideen der Kinder ein? Gibt es „richtig/falsch“, oder werden alle Gedanken der Kinder aufgegriffen? In welcher Weise wird bewertet? Und, ganz wichtig, wer wird integriert und wer nicht? Tatsächlich werden Mädchen bei den Vereinen immerhin theoretisch integriert. Inwiefern ausländische Kinder und Jugendliche im Sportverein landen dürfte davon abhängen, ob sie jemanden kennen, der ihnen den „Weg“ dorthin zeigt. Behinderte Kinder und Jugendliche? Damit müssen sich Sportvereine anscheinend nicht befassen.

Für mich war das normal.

Für mich war das aber normal: Lernbehinderung. Autismus. Rollstuhl. Ab auf die Bühne und eine Inszenierung machen, dabei das Kind in seinen Kompetenzen sehen und wertschätzend fördern. Ein Kind das kein Deutsch sprach? Ab auf die Bühne, dann machen wir halt Pantomime. Eine extrem talentierte Jugendliche? Da muss ich eben vermitteln, damit alle zusammenarbeiten können. Denn bei aller individuellen Förderung: Die Inszenierung soll schon trotzdem schön sein, damit auch alle stolz darauf sein können.

Diese Anforderungen sind anstrengend, aber ich will sie auf keinen Fall mindern. Nein, ich will, dass sie auf den Sport ausgedehnt werden, weil das ganz einfach echte Integration bedeuten würde. Es kann ja nicht sein, dass alle, die integriert sein wollen Theater spielen müssen – ist ja auch nicht jedermanns Sache. Rollstuhlfahrer_innen in die Fußballvereine! Auch wenn sich deren Arbeit dann verändern muss. Gerade weil sich deren Arbeit dann verändern muss.

Bislang kenne ich nur einen Verein, dem ich das theoretisch zutrauen würde: Roter Stern Leipzig e.V. Aber wie cool wäre es, wenn es nicht nur eine mixed abled Tanz-Company im LOFFT gäbe, sondern auch eine mixed abled Mannschaft bei RB-Leipzig?

Man wird ja noch träumen dürfen. Mein Sohn träumt auch.

Empfehlung: Schreibtisch mit Aussicht

Ich bin keine Kritikerin – viel zu feige. Oder vielleicht doch nicht? Ich habe mir vorgenommen, nicht zu feige zu sein, in Zukunft hier zu teilen, was mich begeistert. Und den Anfang mache ich mit dem wunderbaren Buch „Schreibtisch mit Aussicht“, in dem Ilka Piepgras Werkstattberichte von Schriftstellerinnen gesammelt hat. Was für ein Glück!

Sie wollte ihren Roman anfangen, aber dann bekamen der Hund Würmer und die Kinder Ferien, und so musste sie noch etwas warten. So ungefähr steigt gleich der erste Essay „Ich schreibe nur“ von Anne Tyler ein, ziemlich witzig, ziemlich wahr, denn wer „nur“ schreibt – der kümmert sich auch um Haushalt, Kinder, Hunde. Anders als ihr Mann, der seine Autorentätigkeit mit einer vollen Stelle als Arzt koordinieren muss, er schreibt nicht „nur“, aber seine Zeit zu schreiben ist denkbar knapp bemessen. Ist es da nicht Luxus, „nur“ für Haushalt und Kinder zuständig zu sein? Doch wann kommt sie zum Schreiben? (Spoiler: Es dauert.)

Eva Menasse weiß alle 15 Seiten nicht mehr weiter. Also liest sie ihre eigenen Worte, ändert hier eine Kleinigkeit, stellt dort etwas um, „flöhen“ nennt sie diesen Prozess. Bis es irgendwann doch weitergeht. „Flöhen“, dieses Wort kann ich so gut verstehen, ich finde es so einfach und so liebevoll. Geht so schreiben?

Geht so schreiben?

Antonia Baum schreibt sehr viel über ihren Babysitter. Über ihr kleines Kind und über Erschöpfung. Und wie stereotyp das alles klingt. Wie blöd das ist, als Frau immer wieder mit diesen Klischees um die Ecke zu kommen. Denn: „Das Problem ist das Problem“.

„Dies ist eine Geschichte über zwei Schriftsteller. Mit anderen Worten, eine Geschichte über Neid.“ Wie es ist, auf den ungleich erfolgreicheren Partner neidisch zu sein, das erzählt Kathryn Chetkovich so kompromisslos, dass das Lesen richtig weh tut. „Er kämpfte vielleicht, aber er glaubte an seine Arbeit. Das war das Erste, worum ich ihn beneidete.“

Ich könnte noch mehr Textstellen nennen. Sie alle haben mich ganz tief angesprochen, denn so unterschiedlich die Berichte der Autorinnen auch sind, eines haben sie gemeinsam: Sie sind ehrlich. Oft sogar schmerzhaft ehrlich. Ich will keine unlauteren Vergleiche aufmachen, aber so manches Buch mit Briefen irgendeines Autors (am schlimmsten: Ibsen) war dagegen so unaufrichtig und aufgeblasen, dass es ein echter Genuss ist, zu lesen, was diese klugen Frauen schreiben. (Ja, es gibt auch ehrliche Männer.) Dabei geht es immer wieder um die feministischen Klassiker: Vereinbarkeit von Care-Arbeit, Broterwerb und Schreiben. Sexismus eben auch im Literaturbetrieb. Unsicherheit in einem männerdominierten Literaturbetrieb. Man ahnt es.

Und dennoch handelt es sich nicht um eine Kampfschrift auf 270 Seiten, sondern vielmehr ganz präzise Beschreibungen davon, wie die Autorinnen in dieser Welt ihre Arbeit machen. Sehr prosaische Beschreibungen. Am wichtigsten scheint es wohl zu sein, sich hinzusetzen und – zu schreiben. Es zu tun. Und dann später zu flöhen.

Autorinnen teilen ihre Erfahrungen

Es geht auch nicht in jedem Text um feministische Themen, sondern vielmehr um Handwerk, um Zustände, in denen geschrieben oder nicht geschrieben wurde, um Erfahrungen, ja, da teilen Autorinnen ganz schlicht und einfach ihre Erfahrungen. Ein riesiger Schatz.

Und weil das Buch damit alles andere als eindimensional ist, weil es sich vor keinen Karren spannen lässt, deshalb ist es mir sehr schnell sehr wertvoll geworden. Es ist feministisch, aber nicht nur feministisch. Es beschreibt das Schreiben aus einer weiblichen Perspektive. Ich habe es sehr, sehr gerne gelesen.

PS: Es sind auch eine ganze Reihe illustrer Namen vertreten (die nenne ich jetzt nicht alle, das müsst ihr mir glauben), und auch der eine oder andere Name, den ich noch nicht kannte. Da gibt es also einiges zu entdecken, und ich werde bestimmt noch das eine oder andere Buch lesen, auf das ich sonst nicht gekommen wäre.

PPS: Hier die harten Fakten: Ilka Piepgras (HG): Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben. Kein & Aber: 2020.

Warum ich erst im Internet nicht über meine Depressionen gesprochen habe und dann umso mehr

Zunächst die harten Fakten:
Ich habe schwere Depressionen. Erstmals diagnostiziert im Herbst 2007, dann in Episoden alle paar Jahre. Seit 2018 ist es nochmal schwieriger geworden: Derzeit beeinträchtigt mich die Erkrankung während eines Großteils meiner Zeit. Wie es weitergeht, weiß ich nicht.

Hinter diesen knappen Sätzen stehen natürlich viele Geschichten: Eine lange Krankengeschichte, ja, aber auch Geschichten des Lernens über mich selbst, von kreativen Phasen, die sich immer an meine Tiefs anschlossen, vom Wissen um Grenzen und menschliche Zusammenhänge, von Rhythmen, Mut und Mutlosigkeit. Und von einer Frage, die banaler nicht sein könnte: Wem erzähle ich davon?

Ich schäme mich nicht für meine Krankheit.

Äußerlich war ich in dieser Frage immer sehr klar: Ich schäme mich nicht für meine Krankheit. Aber sie definiert mich nicht. Deshalb möchte ich mich online nicht über sie äußern. Mein Alptraum: Dass man irgendwann „Solveig Hoffmann“ googlet und „Depression“ vorgeschlagen bekommt.

Dass unterschwellig natürlich noch eine Menge anderer Gedanken mitschwangen – heute sehe ich das weitaus deutlicher, als während der ersten 11 Jahre meiner Krankengeschichte. Die erklärenden Sätze: „aber ich komme gut aus dem Bett“, „ich bin trotzdem ganz lustig“, „die Medikamente verändern meine Persönlichkeit nicht“. Die ewige, leidige Frage, ob man beruflichen Kontakten von seiner Krankheit erzählen soll. NEIN, schrien die einen, das sei eine ganz schlechte Idee. Aber wenn du ihnen vertraust, argumentierten die anderen, dann sei die Vertrauenbasis dadurch noch größer. Beides habe ich erlebt: Klare, persönliche Absprachen, aber auch den Verlust eines Auftrags, nachdem ich meine Diagnose benannt hatte. Diskriminierung war es, eine Diskriminierte war ich. Muss man auch erstmal schlucken.

Aber ich war stark, dachte ich. Und die Depression nur ein Teil meines Lebens. Wer mich näher kannte, der wusste bescheid. Die anderen nicht. Dann kam 2018.

Dann kam 2018.

Nach Monaten des Projekte Absagens, durch den Wald Laufens, Medikamente Schluckens kapitulierte ich und ging akut depressiv ins Krankenhaus. Ich sollte lange dort bleiben. Mein Gesundheitszustand schwankte so stark, dass ich nicht entlassen werden konnte. Und in dieser Kraftprobe löste sich die Regel „keine Depression im Internet“ irgendwie in Luft auf. Erst in diesem Artikel hier auf dem Blog, dann in meinem Kranichprojekt auf Instagram: Wenn ich nicht weiter wusste, faltete ich Kraniche und hängte sie in die Bäume. Fotos davon stellte ich unter #kranichcontent auf Instagram. Es wurden viele Fotos und noch viel mehr Kraniche. Und das Projekt und die Rückmeldungen darauf gaben mir viel Kraft.

Was hatte mich bewogen, meine Regel zu kippen? Als erstes natürlich der support, den ich ab sofort im Internet erfuhr. Mein Instagram-Account liegt in einer äußerst wertschätzenden, bestärkenden Blase. Als zweites die bittere Erkenntnis, dass mich meine Krankheit eben sehr wohl definiert. Natürlich habe ich noch 1000 andere Dinge zu bieten, aber nichtsdestotrotz ist die Depression etwas, was die Leute von mir wissen müssen, wenn sie mich verstehen wollen. Und drittens, und das habe ich erst im Tun begriffen, ist der einzige Grund, sich nicht öffentlich zu seiner Krankheit zu äußern, die Angst vor Diskriminierung.

Es gibt überhaupt keinen Grund, etwas so Wichtiges von mir zu verschweigen.

Das wollte ich lange nicht einsehen, aber es ist wahr. Es gibt überhaupt keinen vernünftigen Grund, etwas so Wichtiges von sich zu verschweigen, es sei denn, man erwartet Nachteile, abfällige Bemerkungen oder Schlimmeres. Diese Angst sitzt tief: Schon allein die Tatsache, dass ich inzwischen auch sehr persönlich über mich schreibe, aktiviert regelmäßig meine unbarmherzige innere Kritikerin: Das ist eine Nabelschau, peinlich, zuviel… Ist es nicht. Was ich von mir erzähle, entscheide ich, und wenn es für mich stimmt, dann stimmt es. Meine Depression gehört mir, deshalb darf ich sie teilen, mit wem immer ich will.

Ich bin keine Heldin. Aber in den letzten Jahren habe ich gelitten. Sehr. Genug um mir zu wünschen, dass mir die Meinung potentiell Diskriminierender egal ist. Ich bin ich, mit Depression, take it or leave it.

Deswegen habe ich früher im Internet nicht über meine Krankheit gesprochen; jetzt aber umso mehr.

2020 gelesen

Wie jedes Jahr habe ich mir notiert, was ich 2020 gelesen habe – und zwar ehrlich mit Höhen und Tiefpunkten. Bitte sehr:

Katja Oskamp: Marzahn, mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin. – Autorin macht nach einigen Misserfolgen in Fußpflege um dann wiederum davon zu erzählen; dieses Konzept kann ja nur funktionieren. Für mich eine überzeugende Mischung aus Literatur und …Füßen. Macht fröhlich, traurig, ehrlich.

Sybille Lewitscharoff: Apostoloff – Wegen des mir nichts sagenden Titel stand dieses Buch viele Jahre lang unberührt in meinem Bücherregal. Eine Verschwendung. Die abgefahrene Story, die ausschweifenden Beschreibungen Bulgariens sind es die Mühe wert, sich erstmal reinzufuchsen in all die vielen Namen und Situationen. Sollte Corona denn irgendwann mal vorbei sein, dann steht Bulgarien jetzt auf jeden Fall auf meiner Reiseliste.

Kari Herbert: Rebel Artists – Eine Bilderbuch für junge Frauen, und es ist richtig, richtig toll! Bekannte und unbekannte Künstlerinnen werden vorgestellt, immer kurz und knapp, aber Lust auf mehr machend. Und das Beste: Es ist total empowernd. Hätte ich gern zum 18. Geburtstag gekriegt.

Gerald Hüther, Marcell Heinrich, Mitch Senf: #educationforfuture – Das Buch von meinen ehemaligen Arbeitsgebern. Und Gerald Hüther, der natürlich eine Koryphähe ist. Die Gedanken in diesem Buch waren mir nicht unbedingt neu, aber wer so ungefähr meine Einstellung zur Schulbildung nachlesen will, der findet sie hier wunderbar zu Papier gebracht.

Liza Cody: Gimme more – Endlich mal wieder was zum Spaß gelesen. Schöne Geschichte zum Music Business, seltenerweise mit einem feministischen Dreh.

Lucy Maud Montgomery: Anne in Kingsport, Anne in Four Winds, Anne in Ingleside, Anne und Rilla – Zum ersten Mal verliebt, Anne und Rilla – der Weg ins Glück – Bücher, die man als Kind und Jugendliche tausendfach gelesen hat, haben einen besonderen Zauber: Jede Seite ist so vertraut. Ich hatte beim Lesen wieder das Gefühl in meine alte Kinderbettwäsche gekuschelt auf meinem Bett in meinem 8 qm-Zimmer zu liegen. War natürlich nicht so, und deshalb sind mir auch die zahlreichen Widersprüche schmerzhaft aufgefallen. Schlecht übersetzt? Vielleicht sollte ich die Reihe nochmal auf englisch lesen. Ohne das Bettwäsche-Gefühl.

Isaac Singer, Julian Jusim: Der Kaiser von China, der alles auf den Kopf stellte. – Meine Oma starb vor acht Jahren. Vorher hat sie mir noch dieses Bilderbuch über Trump geschenkt.

Toni Feller: Die Sünde – Dieses Buch habe ich mal beim KarliBeben gewonnen. Es ist schlecht. Vor allem die Art, wie über Homosexuelle geschrieben wird, ist unterirdisch. Trotzdem hat es mich darauf gebracht mal wieder Krimis zu lesen, und zwar…

Jo Nesbo: Kakerlaken, Der Fledermausmann, Rotkehlchen, Die Fährte – …gute Krimis.

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts – Hat mir sehr gefallen. Die Charaktere, die Ironie, die Klostergans, kann ich alles empfehlen. Vielleicht besonders, weil ich aus dem Westen in den Osten gezogen bin.

Margarete Stokowski: Die letzten Tage des Patriachats – Ich mag die Autorin, ich mag es, dass sie gerne mal eine steile These in den Raum stellt, am besten schön flapsig, und dann regen sich alle auf, und am Ende kommt einem die steile These ganz alltäglich und normal vor, gegen all den Staub, der da aufgewirbelt wird. Klasse Strategie. An dieser Sammlung ihrer Kolumnen mochte ich, dass man an ihr auch verfolgen kann, wie sie als Autorin gestartet ist und dann immer besser wurde. Macht Mut, selbst mit irgendwas loszulegen.

Ilona Einwohlt: Mein Pickel und ich – Dieses Buch habe ich auf dem Mülleimer eines Spielplatzes gefunden und anschließend auf dem Klo gelesen. Ich war einfach neugierig, was die Elfjährigen von heute so lesen, und Frau Einwohlt scheint ein ganzes Imperium um ihre Pubertätswerke herum aufgebaut zu haben. Sie gibt sogar feministische Seminare. Warum sie dann in ihrem Buch Mädchen beibringt, sich nicht zu aufreizend anzuziehen, weil dann „böse Männer“ kommen könnten, erschließt sich mir nicht. Davon mal abgesehen fand ich das Buch langweilig. Keine Empfehlung.

Emma Becker: La Maison – Eine Autorin, die als Hure arbeitet und dann darüber schreibt – das vermarktet sich natürlich von selbst. Aber ganz ehrlich: Seit ich das Buch gelesen habe, beschäftigt es mich, weil es eben nicht so eindimensional ist, wie man vermuten könnte. Weil Selbstbestimmung ein Wert ist, den ich der Autorin abkaufe. Weil ich den Wunsch, geliebt zu werden verstehe, und es spannend finde, wo in der Geschichte er auftaucht. Weil es witzig ist, heiß und auch sehr, sehr prosaisch. Interessantes Buch.

Und das waren sie, meine Bücher von 2020. Unter dem Weihnachtsbaum liegt schon ein großer Stapel mit Nachschub für das nächste Jahr. Ich schließe mit einem Lied, das dieses Jahr für mich wichtig war – und bin sehr, sehr neugierig auf 2021.

Bis denn!

Let`s dance to Joy Division

#maskeyeah – Von der Notwendigkeit, etwas Gutes auch zu feiern

Die Atemschutzmaske ist kein lästiges Übel. Sie ist geil! Wir sollten sie feiern.

Die Maske ist so einiges, in den Medien, auf der Straße, auf Google, und die Diskussion gefällt mir nicht. Nicht, weil es ein paar Idioten gibt, die den Begriff „Merkelmaulkorb“ ernsthaft benutzen, sondern wegen dieser Schieflage, in die wir alle geraten sind, eine Schieflage die Querschwurblern sehr entgegen kommt: Die Maske als lästiges, allenfalls notwendiges Übel, als solidarische Pflicht. In einer harten Welt ist es unumgänglich, sich einen unförmigen und das Atmen erschwerenden Stofflappen vor das Gesicht zu schnallen um das schreckliche Unglück der Corona-Erkrankung vielleicht ein wenig einzudämmen. So höre ich den Subtext von allen Dächern singen. Da steigt doch gerne mal der Selbstmitleidspegel.

Die Masken sind geil!

Ich finde das falsch. Die Masken sind geil! Angesichts einer weltweiten Pandemie, an die man nicht glauben muss, die man aber als erwiesen akzeptieren kann, sind die Masken doch das beste, was uns passieren konnte: Vor dem Impfstoff. Bei hoher Auslastung der Intensivstationen. Und ohne schon alles über das Virus zu wissen. Trotz allem, schon jetzt, können wir etwas ganz einfaches tun, um uns bzw. unsere Umgebung zu schützen. Ist das gut, oder ist das gut?

Damit reiht sich die Atemschutzmaske in eine Reihe sehr einfacher Praktiken ein, die längst akzeptiert sind und täglich Menschenleben retten: Kondome, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Hände waschen, Fahrradhelme, Impfungen (bitte keine Diskussion jetzt). Es gibt viele mehr. Alles nicht besonders sexy, vielleicht nehmen wir es auch mal nicht so genau damit – aber sind wir nicht froh, wenn wir dem so entstandenen Kind dann doch einen Fahrradhelm aufsetzen können?

Masken sind eine kulturelle Errungenschaft, und es wird ihnen nicht gerecht, sie permanent schlecht aussehen zu lassen. Im Gegenteil, es ist gefährlich – sickert so doch ganz langsam ein Verständnis für für die „Querdenker“ in die Gesellschaft ein. Das darf nicht passieren – es geht bei der Maske nicht mehr nur um ihren medizinischen Sinn, nämlich sie zu tragen. Vielmehr hat das Tragen jetzt auch noch eine gesellschaftliche Komponente: Wir sollten sie feiern! #maskeauf hieß es im Frühling, aber angesichts der vielen Coronaleugner sollte es meines Erachtens besser heißen: #maskeyeah

#le0711 – das Theaterstück

Ich verrate ein schmutziges Geheimnis: Ich war am Samstag nicht demonstrieren. Warum? Weil ich dieses kleine Theaterstück im Kopf hatte, dessen Aufführung ich so oder ähnlich in den letzten 18 Jahren zig mal bewundern durfte:

Vorab. Die Szene ist friedlich, lediglich Alte, Kranke, Schwarze und andere Risikogruppen mosern rum.

Nazis: WIR KOMMEN, WIR MARSCHIEREN, VÖLKI, INNENSTADTRING, CONNEWITZ,WIR KOMMEN!

Linke: Das könnt ihr vergessen, Völki, Innenstadtrring, Connewitz, wir nehmen Platz!

Bürgerliche Irgendwas: Ja, wir sind auch dagegen.

Polizei: Wir sind kaputt gespart und haben kein Problem mit strukturellem Rassismus!

Irgendwelche Gerichte in letzter Minute: Die Nazis dürfen nicht alles, aber die Versammlungsfreiheit ist ein hohes Gut, sie dürfen also doch fast alles. Versammlungsfreiheit yeah!

Nazis: JA, VERSAMMLUNGSFREIHEIT YEAH!

Der große Tag ist da. Alle freuen sich auf die Demonstration. Doch dann…

Nazis: WIR SCHWINGEN GROßE REDEN, IN DENEN WIR DAS GRUNDGESETZ, DIE MENSCHENRECHTE UND DIE VERSAMMLUNGSAUFLAGEN MINDESTENS ANKRATZEN.

Linke: Wir stören die großen Reden, wir Strolche!

Bürgerliches Irgendwas: Keine Gewalt, so, jetzt müssen wir bald aber wieder los.

Polizei: Die Linken sind uns auf den Fuß getreten!

Linke: Die Polizei ist uns auf den Fuß getreten! Wieso tritt die Polizei nicht den Rechten auf den Fuß?

Polizei: Linksextreme sind genauso schlimm wie Rechtsextreme! In der Realität sind Linksextreme sogar noch schlimmer, als Rechtsextreme! Extremismustheorie yeah!

Wissenschaftler: Die Extremismustheorie ist eine Theorie, die einige Schwächen aufweist und stark umstritten ist.

Polizei: Damit können wir uns jetzt nicht beschäftigen.

Wahlweise Pyrotechnik, Wasserwerfer, Tränengas, die Szene sollte etwas kathartisches haben.

Nazis: DANKE, WIR DANCEN DANN MAL ÜBER DEN RING, ODER SO. WER WILL AUF DIE FRESSE?

Polizei: Nein halt, fahrt schonmal nach Hause und macht Abendbrot! (Kleiner Scherz…)

Bürgerliches Irgendwas: Wir sind schon lange zu Hause und essen Abendbrot. Abendbrot yeah!

Vorhang fällt über einer eskalierenden Szene.

Vorhang auf: Politiker twittern oder youtuben, die hippen fäncy Schabracken.

Linke Parteien: Polizei unverantwortlich, Nazis böse, politische Aufarbeitung yeah!

Mitte-rechts-Parteien: Das alles nicht gut, ABER die Linksextremen, nochmal Extremismustheorie yeah!

Polizei: Wir werden das analysieren und aufbereiten. Bis zur nächsten Demo, yeah!

AfD: War geil.

Solveig: Das ist mir alles zu anstrengend. Ich schreibe lieber ein paar flapsige Zeilen und sonne mich in dem Wissen, dass ich nicht nur politisch auf der richtigen Seite stehe, sondern auch noch verdammt witzig bin. Und das alles auf dem Sofa. Witzigkeit yeah!

Tja, wie gesagt, ich bin nicht stolz drauf. Und sehr betroffen darüber, was am Samstag in Leipzig geschehen ist. Wenn ihr eine postmoderne Interpretation meines Werk auf Youtube sehen wollt, empfehle ich euch den zweiten Teil der Pressekonferenz von Kretschmer und Wöller vom Sonntag.

Ansonsten: Demokratie yeah!

Randnotizen mit Huhn

Zwei Jahre ist es her, dass ich mich für längere Zeit in eine stationäre psychiatrische Behandlung begeben habe. In dieser Zeit sind einige Randnotizen entstanden, die ich lange nicht posten wollte. Ich wollte mich nicht über die Leute lustig machen, die mir geholfen hatten. Und ich wollte kein abwertendes Bild von Psychiatrie festigen… Allerdings: Es ist nunmal einfach so gewesen. Und ich konnte trotz Depression auch herzlich darüber lachen. Auch über das Huhn. Vor allem über das Huhn!

Genussgruppe. Es geht um Gerüche. Mir geht es schlecht. Ich fange an zu weinen und verlasse die Therapie. Versuche, mich im Bett auszuheulen. Mit verschränkten Armen und leicht verunsichert neben mir sitzend: Die Auszubildende aus dem Pflegeteam.
– Frau Hoffmann, soll ich gehen?
+ Weiß ich nicht. Nein.
Pause. Ich weine.
– Frau Hoffmann, ist alles in Ordnung?
+ Na offensichtlich nicht.
Pause. Ich weine weiter.
– Frau Hoffmann, darf ich Sie mal was fragen?
+ Weiß ich nicht. Meinetwegen.
– Wie hat denn das bei Ihnen eigentlich alles angefangen?

Schon wieder Genussgruppe.

Eine Woche später. Wieder Genussgruppe.
Es spricht die leitende Krankenpflegerin:
„Ja, guten Abend, willkommen zur Genussgruppe, Sie wissen, ja, hier bei uns in der Genussgruppe geht es immer um unsere Sinne, so wie zum Beispiel Schmecken oder Fühlen, nicht, und heute, da geht es also um den Sinn des Hörens, ja, da kann man nicht ganz so viel machen, aber Sie können da ja mal so ein bisschen gucken, dass Sie mal wieder darauf achten, zum Beispiel im Frühling, wenn wir im Wald spazieren gehen, und dann zwitschern da die Vögel, dann ist das ja angenehm, und im Herbst da gibt es ja dann doch viel weniger zu hören, bis auf den Schnee vielleicht, der fällt, und da gibt es ja dann auch die Winterdepression.“

Genussgruppe. Schon wieder. Der Tisch ist liebevoll gedeckt, das Thema sind die Farben. Alle reden durcheinander. Wir sprechen über die verschiedenen Jahreszeiten, dann werden Scherzartikel ausgegeben. Niemand fragt warum, alles wird durchprobiert. Der leitende Krankenpfleger versucht, die Runde zu strukturieren und jede_n zu Wort kommen zu lassen.
Patientin 1: Ich weiß nicht, wozu das gut sein soll.
Patientin 2: Und dann hat der Zahnarzt meinen Bruder verklagt, aber da ist nicht Recht gesprochen worden, eigentlich hätte mein Bruder verlieren müssen, aber der ist damit durchgekommen…
Patientin 3: Guckt mal, was ich für einen lustigen Hut aufhabe!
Patientin 4, mit Pfeife, laut: Trrrrrrr!
Über der Szene: Seifenblasen.
Krankenpfleger: Jaja, Farben begleiten und durch unser ganzen Leben.

…und im Hintergrund lief ein Huhn durch die Szene.

Unsere Brache. Eine Liebeserklärung.

Ein bisschen verboten aber nicht zu gefährlich – mein Sohn und ich erforschen die Brachfläche im Leipziger Südosten.

Robinien haben weiche, federleichte Blätter und spitze, harte Dornen. Wenn ich unsere Brache vom S-Bahnhof Leipzig MDR aus betrete, hängt genau auf meiner Augenhöhe ein Beutel Hundekot in diesen Dornen. Seit die Blätter gewachsen sind, kann ich ihn nicht mehr sehen. Es ist April.

Die letzten Wochen haben wir oft hier verbracht – während Corona den Alltag lautlos vor die Wand fuhr, verbrachten mein Sohn, meine Mutter, mein Partner und ich den Frühling zwischen Glasscherben, Betonbrocken und Wildblumen. „Unsere Brache“ – das sind die lose durch Verkehrswege voneinander getrennten Brachflächen die sich vom Bayerischen Bahnhof bis fast nach Connewitz erstrecken. Ein ganz neues Stadtviertel soll hier entstehen, aber das, was dafür zerstört werden wird, das lässt sich nicht planen und nicht bauen.

Ein bisschen gefährlich, aber nicht zu verboten

Für ordentliche Menschen sieht der Ort natürlich siffig aus: Siffige Matratzen, ein siffiges altes Waschbecken und sehr viel kaputtes Zeug. Drauf darf man streng genommen auch nicht, aber die Zäune sind schon lange niedergetrampelt, das einzige Tor steht wochentags eh offen und wo kein Kläger ist – schon klar. Zugleich liefert diese „Zaun-Situation“ natürlich den winzigen Hauch Nervenkitzel, den Stadtkinder viel zu häufig gar nicht erleben können – etwas machen zu können, war ein bisschen verboten, aber nicht zu gefährlich ist. Die Pfützen sind hier größer, als in jedem Park, und mit Steinen darf man werfen, denn es ist genug Platz. Stundenlang haben wir Züge beobachtet (rote oder grüne Türen?). Die Kieshaufen auf der einzigen schon vorhandenen Baustelle umsortiert. Eidechsen beobachtet und Stöcke in tiefe Löcher geworfen. Abbruchhäuser erkundet und einen selbst gebauten Skaterpark entdeckt.

Als es Sommer wurde, begann mein Sohn, Glasflaschen zu zerschmettern. Stundenlang suchten wir Flaschen und dann einen Ort, an dem die Scherben niemanden beeinträchtigten. Und dann ging’s los: Ein bisschen asi, aber eine Sektflasche schafft mein Kind mit einem einzigen Wurf. Auf keinem Spielplatz der Welt könnte ich ihn das machen lassen.

Auch kulinarisch ist die Brache spannend: Zugewuchert mit Brombeeren, Kräutern, Blumen… Wir kochten Robinienblütensirup, ärgerten uns über den trockenen Sommer, der alle Brombeeren auf dem Gewissen hatte und fanden einmal sogar köstliche Rauke (Rucola). Mein Sohn weiß, was giftig ist und was lecker, und er weiß auch, dass man nicht in Hundehöhe pflückt. Die „siffige Brache“ war auch: ein naturpädagogischer Lernort.

Vor allem waren wir hier frei

Vor allem aber, und dafür liebe ich diesen Ort, waren wir hier frei, und mit uns viele andere Menschen. Der Vater, der mit seinem Sohn regelmäßig Einrad fahren übte. Die Jungs mit ihren Verstärkern und E-Gitarren, die stundenlang in der Sonne jammten und allen gute Laune machten. Die Unbekannten, die überall Vulven auf die Wege sprühten. Das Teenager-Pärchen, das sich in einen Autoreifen kauerte und gegenseitig wegen eines unbekannten Kummers tröstete. Und eben auch wir, die nach und nach jeden Winkel der Brache erforschten. Fast jeden.

Nun wird es Herbst, die letzten Blumen leuchten gelb, wir stöbern inzwischen nur noch am Wochenende. Irgendwann wird es losgehen, dann wird das gesamte Areal eine Baustelle, Wohnungen mit Parkplätzen werden entstehen und all die versteckten Scherben, Stöcke und Steine werden verschwinden. Und damit auch ein Stück Leipzig, dass mir sehr sehr lieb geworden ist. Denn das beste an Leipzig, das sind die Brachen.