Gegen die Schweinokalypse

„In #Leipzig gibt es einen #Kindergarten, der hat jetzt allen #Deutschen das #Schweinefleisch #verboten, sogar die #Gummibärchen, weil da Schwein drinne ist, unmöglich, das deutsche Schnitzel ist in Gefahr #schnitzelingefahr und deshalb kommt da jetzt der #Poggenburg und dann gibt es eine #Spontandemo und es regt sich auch schon #Widerstand, 5000  #Antifas wollen morgen zur #Gegendemo anreisen, sicher brennen dann wieder #Autos, wie so oft in der linksradikalen #Südvorstadt, denn dann haben wir die magischen drei Zutaten für eine gute deutsch-sächsische Geschichte zusammen: Schweinefleisch, Extremismus-Theorie und Autos. Juchei, so macht #Wahlkampf Spaß!

#schnitzelingefahr

Ich erspare euch die tatsächlichen Fakten (hat die überhaupt irgendjemand veröffentlicht?). Da ich neben besagten Kindertagesstätten wohne habe ich die verschiedenen Veröffentlichungen verfolgt. Ich bin schwer genervt. Von diesem ganzen destruktiven Aufmerksamkeitskarussell, auf das alle Beteiligten immer wieder aufspringen. Ich versuche es mal konstruktiv: Was für ein Verhalten hätte ich mir von allen Beteiligten gewünscht?

Die Kitas: Haben formal nichts falsch gemacht. Aber es wäre weitaus eleganter und aus demokratiepädagogischer Warte sinnvoller gewesen, bei der Entscheidung über das Essenangebot Angestellte, Eltern (und in meinem Traum sogar die Kinder) einzubeziehen. So, dass eine Entscheidung gefällt wird, die auch alle mit tragen. Dann muss man nämlich später keinen Rückzieher machen.

Presse: So sie berichtet, hält sie sich an die Fakten. Spricht nicht von „Verbot“, wo keines existiert. Und nennt keine Ortsangaben, sprich: nicht die Adresse der Kita, wenn die Stimmung eh schon aufgeheizt ist.

Natürlich könnte man sich auch entscheiden, dass andere Themen wichtiger sind – mit guten Gründen. Denn von einem Sommerloch kann dieses Jahr (leider) nicht die Rede sein…

Politiker_innen und Parteien: siehe oben

Poggenburg: Okay, hier fällt es mir schwer, mir was Konstruktives auszudenken.

Einfach mal konstruktiv denken

Aber eigentlich ganz einfach: Ein paar gut vorbereitete Elternabende und eine Öffentlichkeit, die ihrer Verantwortung gerecht wird. Ist das so sehr zuviel verlangt?

Idealistische Grüße… Ach, was weiß ich denn.

2018 gelesen

Schon seit einigen Jahren schreibe ich jedes Jahr auf, was ich so lese – und tausche mich um den Jahreswechsel herum mit einigen Freunden auf Facebook darüber aus.
Aber wenn ich mir nun erstmals auch die Mühe mache, alles abzutippen, dann kann ich die Liste ja auch gleich auf’s Blog stellen, oder?

Juli Zeh: Unter Leuten

Tove Jansson: Mumin ist verliebt

Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen. Mein Leben in einer Neonazi-Familie.

J.K. Rowling, John Tiffany, Jack Thorne: Harry Potter und das verwunschene Kind.

Françoise Heritier: Das ist das Leben!

Miriam und Ezra Elia: Das Tagebuch von Edward dem Hamster 1990-1990

Sandra Konrad: Das beherrschte Geschlecht

Sandra Konrad: Liebe machen

Haruki Murakami: Worüber ich rede, wenn ich vom Laufen rede

Paulo Coelho: Sei wie ein Fluss, der still die Nacht durchströmt

Jane Austen: Stolz und Vorurteil

Michael Ende: Die unendliche Geschichte

Marc-Uwe Kling: Quality Land

Nicht enthalten sind gefühlte 8349260 oftmals hervorragende Bilderbücher, die ich vorgelesen habe. Ein paar davon habe ich hier schonmal vorgestellt. Denn Bücher zu feiern schließt für mich Kinderbücher mit ein!

Ganz ganz ganz besonders empfehlen möchte ich aus der obigen Liste den Band von Haruki Murakami. Und das Hamster-Tagebuch. Auch „Qualitiy Land“ war nicht schlecht. Und „Das beherrschte Geschlecht“ höchst interessant. Jane Austen ist eh immer hervorragend.

Genervt hat eigentlich bloß Paul Coelho…

…und dass ich nicht mehr Zeit zum Lesen hatte. Nicht mehr gedanklichen Raum für Anspruchsvolles. Ich hoffe, dass da 2019 ein bisschen mehr Freiheit und Freizeit für Muße bleibt!

Was habt ihr gelesen? Und habt ihr Tipps für mich?

MDR Kultur trifft… mich

Gestern war ich bei MDR Kultur zu Gast und durfte mit Carsten Tesch ausführlich über das Amt für Wunscherfüllung und Vielleicht-Management sprechen. Manches beschäftigt mich noch immer, rumort in meinem Kopf, rumpelt vor sich hin. Für mich war es also auf jeden Fall ein anregendes Gespräch! Und ich bin gespannt auf euer Feedback.

Das Ganze als Podcast findet ihr hier:

https://www.mdr.de/kultur/podcast/trifft/index.html

Genug ist genug

Meine Turnschuhe haben Löcher.
Ich sitze auf meinem Krankenhausbett und betrachte sie minutenlang. Draußen scheint die Herbstsonne. Drinnen riecht es nach matschigen Kartoffeln und Desinfektionsmittel. Mein Mund ist trocken von den Tabletten, die ich einnehmen muss. Mein Kontostand beträgt 2,18 €. Ich werde mir so bald keine neuen Turnschuhe kaufen.

Genug ist genug, das denke ich mir in letzter Zeit öfter. Und das bedeutet:

Ich habe genug davon, arm zu sein, denn das bin ich, seit ich Mutter bin. Das Geld, dass ich verdiene, reicht nicht, um mich (nur mich) zu ernähren. Genug habe ich auch davon, was dieser Zustand mit meiner Familie macht – denn nein, wir gehören nicht zu den Menschen, die gut damit umgehen. Die Angst vor dem Mangel schafft Stress und Streit, und beides ertrage ich gerade nicht mehr.

Genug habe ich auch davon, dennoch viel zu arbeiten, keine Freizeit zu haben. Keine Zeit für mich. Tatsächlich habe ich meine Arbeit oft als „me-time“ empfunden – hier bekam ich die Chance, meine Ideen umzusetzen, konnte mich als kompetent und wirksam erleben und dafür auch Anerkennung von den Kollegen ernten. Das war schön. Aber inzwischen habe ich gelernt: Allein aus der Arbeit kann und will ich das nicht ziehen. Das ist dann eben doch nicht genug.

kein sicherheitsnetz

Genug habe ich auch davon, was es bedeutet freibruflich krank zu werden. Seit drei Monaten bin ich inzwischen arbeitsunfähig krank. In dieser Zeit habe ich mehrere tausend Euro an Honoraren verloren (obwohl meine Kolleg_innen und Auftraggeber_innen wahnsinnig fair sind – danke!). Praktisch wöchentlich erreichen mich dafür Nachrichten per Mail oder Telefon – Nachrichten, die ich weiterleiten oder kurz bearbeiten sollte. Mein Krankengeld ist eher symbolisch.

Seit Ende der Elternzeit bin ich in Vorleistung gegangen, habe Projekte entwickelt und Anträge geschrieben. Ich bin nicht schlecht in meinem Job, insgesamt sind grob überschlagen 230.000 € für verschiedene Projekte bewilligt worden. Ein kleiner Teil davon wäre normalerweise in Form von Honoraren an mich ausgezahlt worden. Allerdings habe ich die Phase der Proben und Aufführungen, die vergütet wird, größtenteils krankheitsbedingt verpasst. Sich anzustrengen lohnt sich leider nur, wenn genügend Kraft bleibt, um die Resultate zu genießen. In meinem Fall ist dieser Plan nicht aufgegangen, und ein Sicherheitsnetz ist nicht vorhanden.

Ich habe genug! Auch davon, krank zu sein. Seit vielen Jahren lebe ich mit wiederkehrenden depressiven Episoden. Und die meiste Zeit leben wir ganz gut zusammen, die Depression und ich: Sie gehört zu mir, sie hat mein Leben besser gemacht, sie macht es mir wahnsinnig schwer, sie definiert mich nicht, von Zeit zu Zeit kommt sie vorbei und erinnert mich daran, wie ich leben will.

was existenzängste bedeuten

Wenn mein Leben mich allerdings so erschöpft, dass mein Körper keinen Weg mehr hinaus findet und ich ins Krankenhaus muss, dann gibt es ein Problem. Denn die kulturpolitischen Konflikte, von denen Bündnisse wie Leipzig+Kultur oder auch der Bundesverband der freien Darstellende Künste sprechen, übersetzen sich in persönliche Geschichten: Von Armut, von Existenzängsten, von Kindern, die man lieber doch nicht bekommt, Partnerschaften, die auf der Strecke bleiben, Turnschuhen mit Löchern, die in Krankenhäusern getragen werden, die aufgrund einer riesigen Erschöpfung aufgesucht werden.

Genug ist genug – mir reicht es jetzt. Stellenangebote gerne mit mir teilen. Ich hab was drauf – muss mich nur noch ein bisschen ausruhen…

Randnotizen V

Wenig schreibe ich zur Zeit – aber ein paar Notizen aus meinem Alltag haben sich doch mal wieder angesammelt. Dieses Mal mit zu leckerem Kuchen, einem sprechenden Baby und dem Wunsch ein Reh zu sein. Meine Pinnwand kann ich nicht fotografieren, denn ich bin nicht zu Hause. Aber vielleicht helfen ja Abitur und Yoga gegen meine fotografische Phantasielosigkeit?

Vorm Bäcker, wartend. Zwei hippe junge Frauen trinken Smoothies. „Also meine Mutter hat mir neulich ein ganzes Blech Kuchen gebacken. Ein ganzes Blech! Wie viele Kalorien das hat!“ – „Und meine Mutter so: Nein, da ist gar nichts drin, in dem Erdbeerkuchen… Aber da waren Eier drin, Milch, Butter, alles…“ Ihre Mütter machen alles falsch mit den Kuchen. Ich denke, dass ich das hätte sein können, vor einigen Jahren, die sich so über den falschen Kuchen und die Mutter beklagt. Und dass ich, seit ich Mutter bin, alles genauso falsch machen will.

Informationen für kinder

Kinderstadt. Zwei Jungs rennen zum Helferzelt, wichtige Frage: „Gibt es schon eine Polizei?“ – „Nein, noch nicht.“ – „Ah, gut!“ Sie laufen davon.

Freibad. Ich stille meinen Sohn. Kinder fragen, was wir da machen, Eltern antworten, dass er noch ein kleines Baby sei, das gestillt werden müsse. Mein Sohn ist zweieinhalb. Was in so einer Situation nicht hilft: Wenn das kleine Baby kurz absetzt, verkündet, die Brust sei heiß und dann weitertrinkt.

Die Härten des Lebens

Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Am Straßenrand stehen ein älterer Mann und eine sehr alte Frau. Diese schreit fürchterlich herum, sie wolle nach Hause… Der alte Mann fasst sie am Arm und brüllt sie an: Du kannst nicht nach Hause, du bist zu bekloppt dafür, du muss ins Heim!“ – Dann bin ich schon wieder weg. Aber ich muss noch lange über diese brutale Ehrlichkeit nachdenken.

„Ach wäre ich doch ein Reh, dann könnte ich diese lecker aussehenden zarten grünen Spitzen an den Fichten abknabbern…“, denke ich. Jeden Frühling. Liebe Biolog_innen, fressen Rehe Fichtentriebe? Und liebe Psycholog_innen, gibt es eine Diagnose für den Wunsch, ein Reh zu sein? Semi-normale Grüße, eure Solveig

Grünau wünscht…

Seit zwei Wochen bin ich als Amtsleiterin des Amtes für Wunscherfüllung und Vielleicht-Management im Auftrag des Haus Steinstraße e.V. in Leipzig-Grünau unterwegs und befrage die Menschen zu ihren Wünschen. Vieles gäbe es zum Konzept zu erzählen, doch vorerst zähle ich einfach Mal auf, was ich gehört habe – Menschen in Grünau wünschen sich:

Dass es in Grünau mehr als eine Bibliothek gibt. Eine kleine Schwester. Abkühlung. Dass die Sparkassenfiliale wieder eröffnet. Dass die Baumstämme aus dem Robert-Koch-Park abtransportiert werden. Wieder Kontakt zu den (erwachsenen) Kindern zu haben. Ein schönes Café, in dem man auch Mal essen gehen kann und wo nicht nur das Gesindel hingeht. Einen Ferienpass. Urlaub. Dass die Krankenkasse die Podologie bezahlt, wenn der Arzt sie verordnet. Bessere Barierrefreiheit im öffentlichen Nahverkehr. Saubere Spielplätze ohne Kippen und Scherben. Mehr Hilfen für Alleinerziehende, auch wenn die Kinder schon etwas größer sind. Beratung in Liebesdingen mit dem Ziel der Eheschließung. Dass man als Mensch mit Behinderung ernst genommen und respektiert wird. Dass der Rest von Leipzig nicht auf Grünau herabschaut. Mehr Polizeipräsenz. Dass man erfährt, was ein Amt in Bezug auf den eigenen Wunsch tut, wenn man dort anruft und sein Problem schildert. Eine Muschel mit einer Perle darin zu finden. Dass die Lieferfahrzeuge zum netto-Supermarkt die eigens gebaute Zufahrt nutzen anstatt durch die Dahlienstraße zu fahren. Ein Sternburg. Mehr Parkbänke. Dass die ostdeutsche Sprache nicht ausstirbt. Dass die Mittags-und die Nachtruhe eingehalten werden. Gesundheit. Einen Laden, in dem die Kunden veranlassen können, dass jemand etwas für sie im Internet bestellt. Dass weniger Bäume gefällt werden. Eine Ballonfahrt. Dass Dyskalkulie der Lese-Rechtschreibschwäche gleichgestellt wird. Eine_n deutsch-kurdisch-Übersetzer_in. Dass das Kindergeld erhöht wird. Dass es eine Nacht lang einen rechtsfreien Raum gibt, so dass man Ausländer erschießen kann. Längere Öffnungszeiten im Stadtteilladen. Dass die schadhafte Stelle an der Treppe ausgebessert wird. Hilfe bei der Wohnungssuche. Weltfrieden. Ein Kind.

Kooperation und Kollision – Interview mit Franziska Furcht von interaction Leipzig e.V

Wie kann eine Gemeinschaft unterschiedlicher Menschen funktionieren? – Mit dieser Frage beschäftigt sich unser „Labor für Kooperation und Kollision“, ein Performance-Projekt, das in den kommenden Monaten im öffentlichen Raum Leipzigs entwickelt und aufgeführt wird. Und weil wir alle so unterschiedlich sind, erzähle ich dieses Mal nicht einfach nur selbst von dem Projekt, sondern lasse auch die anderen zu Wort kommen. Als erstes Franziska Furcht, die für den Träger des Projekts interaction e.V. arbeitet und jede Menge positive Energie in unser Labor bringt.

Liebe Franzi, im „Labor für Kooperation und Kollision“ wollen wir das Thema „Gemeinschaft“ im öffentlichen Raum erforschen.Wenn dich jemand fragt, was wir da machen: Was antwortest du? Und was würdest du antworten, wenn du nur vier Worte benutzen dürftest?

Gemeinsam neue Perspektiven (er)leben.

So kurz hat das noch niemand geschafft 😉 In der Arbeit am „Labor für Kooperation und Kollision“ wird die Zusammenarbeit selbst zum Thema: Die Verteilung von Ressourcen und Geld, die Erweiterung der Gruppe, die Frage, wie wir neue Leute ansprechen und uns ansprechen lassen. Was beschäftigt dich an diesem Thema derzeit am meisten?

Ich arbeite seit vielen Jahren mit und in verschiedenen Teams. Dabei finde ich insbesondere die Art der Kommunikation, der Verteilung von Verantwortung, der gegenseitigen Unterstützung spannend. Ich bin immer wieder begeistert von der kollektiven Intelligenz, wie sie in den Teams, in denen ich momentan arbeite, nur so sprüht. Gemeinsam neue Impulse, Konzepte, Ideen zu entwickeln oder schnell zu ungewöhnlichen Lösungsansätzen zu kommen ist für mich jedes Mal überraschend und der Grund, weshalb ich es sehr schätze mit anderen zusammen zu arbeiten.

Differenz als Inspiration

Dabei die Differenz des anderen positiv wahrzunehmen und auszuhalten, sich vielleicht sogar davon inspirieren zu lassen und dann andere Perspektiven sowie Gedankengänge, Lösungsansätze und Vorgehensweisen auszuprobieren und eigene zu überdenken, ist eine Herausforderung und Chance, die ich auch in unserem Labor sehe. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass wir einerseits das Ziel haben für alle offen zu sein, aber an manchen Stellen nicht sein können oder wollen und das auch ok ist. Oder dass jede_r wie ursprünglich gedacht einmal eine gänzlich neue Aufgabe übernimmt, die wir noch nie gemacht haben, realisieren wir, einige von uns sind aber doch wieder in gewohnte Aufgabenfelder selbst gesprungen oder hineingerutscht. Dann ist natürlich auch spannend, wie unser Projekt von außen wahrgenommen wird oder von Menschen, die neu dazukommen. Das alles ist unheimlich interessant und hat uns bereits zu ersten inspirierenden Perspektivwechseln geführt.

Und wenn wir dann mit dem Projekt in Mockau oder Paunsdorf oder auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz stehen und mit den Passant_innen ins Gespräch kommen wollen – was interessiert dich hier am meisten?

Dabei interessiert es mich vor allem, wie und ob wir es schaffen können auch ein heterogeneres Publikum zu erreichen. Menschen, die normalerweise nicht an einem künstlerisch-soziokulturellen Projekt teilnehmen würden, Menschen mit Vorbehalten, Menschen, die ganz anders sind als wir, andere Sichtweisen auf Gemeinschaft, Gesellschaft und Zusammenleben haben. Darauf und auf die konkreten Begegnungen bin ich sehr gespannt.

Was sind deine eigenen Wünsche an eine diverse Gemeinschaft?

Ich wünsche mir, dass Diversität für unsere Gemeinschaft, die bereits divers ist und schon immer war, zur Normalität wird. Ich wünsche mir, dass Menschen Begegnungen mit der Erfahrung von Otherness aushalten, annehmen und vielleicht manchmal auch suchen. Es ist normal, dass wir alle Vorurteile und persönliche Erfahrungen haben, die unser Bild auf „die anderen“ prägen. Die Frage ist, ob ich bereit bin dieses Bild jederzeit neu zu zeichnen? Dafür muss ich offen sein in meinem Geist und in meiner Bereitschaft für Begegnung. Und ich muss auch mal meine Vorurteilsbrille ablegen und „den anderen“ mit offenen Augen sehen, ohne gleich meine Schubladen im Schrank aufzureißen und ihn oder sie in eine zu stecken. Was dabei entstehen kann? Wunderbare Überraschungen und die Feststellung, dass wir einander ähnlicher sind, als wir denken.

Diversität abbilden

Ein Wunsch, der daraus folgt, ist, dass diese Diversität in unserer Gesellschaft auch stärker abgebildet wird in der Öffentlichkeit, sei es in wichtigen Positionen in der Arbeitswelt, auf Bühnen, im Diskurs, in den Medien etc. Dabei muss die sogenannte „Mehrheitsgesellschaft“ überlegen, ob dafür tatsächlich Chancengleichheit und Offenheit der Systeme besteht oder wie wir diese ändern müssen, um neuen, anderen Menschen Zugang zu ermöglichen, damit alle mitreden und unsere Gesellschaft mitgestalten können.

Du arbeitest bei interaction e.V. – der Verein ist Träger des Projekts und bietet allgemein eine Plattform, auf der Menschen mit und ohne Fluchtbiografie sich gemeinsam engagieren können. Was genau ist hier dein Job, und wie passt das Labor-Projekt dazu?

Ich arbeite in der Produktionsleitung der Theatergruppe von interaction Leipzig e.V. und leite das neue Projekt „Afeefa Leipzig“. Afeefa ist eine Onlineplattform, die Angebote im Bereich Transkulturalität, Integration und Engagement in Leipzig sichtbar macht, bald auch mehrsprachig. interaction Leipzig e.V. hat seit diesem Jahr die Trägerschaft der Website übernommen und bietet verschiedene partizipative Anschlussangebote an. Bei Afeefa genauso wie bei der Theatergruppe, welche gerade den Prozess der Ensemblebildung vollziehen möchte, ist immer wieder die Frage: Wie können neue Formate von Gemeinschaft entwickelt werden? Wie können wir neue Menschen einbeziehen und mitgestalten lassen? Was erwarten wir von dieser Gemeinschaft innerhalb des jeweiligen Projekts? Wie könnten wir ein noch heterogeneres Publikum erreichen und auch entscheidende Positionen innerhalb der Projekts vielfältig besetzen und öffnen? Das sind alles Fragen, die wir im Labor erkunden wollen und ich bin gespannt auf die Impulse, die das in meine Arbeit tragen wird. Natürlich ist es auch für mich ganz persönlich interessant selbst einen künstlerischen Beitrag für das Projekt zusammen mit anderen Künstler*innen zu gestalten, damit durch verschiedenste Bereiche der Stadt zu touren und währenddessen neue Menschen, Teilnehmende und Kooperationspartner kennen zu lernen.

Liebe Franzi, vielen Dank, dass du dir die Zeit für diese Fragen genommen hast!

Und weil wir im Projekt ja üben, Dinge aus der Hand zugeben und uns auf die Gemeinschaft zu verlassen, darfst du nun bestimmen, wen ich als nächstes interviewe…

…und das wird Jamie Grasse sein!

Das Labor für Kooperation und Kollision entsteht durch die Arbeit von:

Künstlerische Leitung & Organisation (Bauleitung): Johanna Dieme, Franziska Furcht, Jamie Grasse, Solveig Hoffmann, Laura Kröner, Katharina Wessel

Mitwirkende: Wael Alhamed, Alfred Fayad, Louise Wonneberger + X

Produktionsleitung: Blühende Landschaften

Eine Projekt von interaction Leipzig e.V./ gefördert im Fonds Neue Länder der Kulturstiftung des Bundes

Randnotizen deluxe

Also normalerweise schreibe ich hier ja immer auf, wir hart prekär ich bin. Schon klar: mit Arbeit, Wohnung, Essen, Trinken und Café-Besuch. Aber eben vergleichsweise schlecht bezahlt und vor allem abgesichert. Seit ich Mutter bin, ist dieses Thema recht dominant geworden. Immer das Geld… Es nervt. Obwohl so vieles gut ist.

Nun allerdings hatte ich für wenige Tage die Gelegenheit, in ein anderes Leben zu schnuppern: Ich war mit Mann und Kind in einem 5 Sterne-Hotel zu Besuch. Wie und warum ist hier egal, aber was ich für mich notiert habe – eben als Randnotiz – das tut nach all den Sorgen um Existenz und Zukunft echt ganz gut.

1. „Sehr viel Geld haben“ ist eine Marke. Man stellt sich das so vor: Den Club der Superreichen. Den Dresscode. Die Schneckengabel. Und dann steht man da eher so casual und stellt fest, dass man doch wieder ganz geborgen in einer asiatischen Reisegruppe verschwinden kann.

2. Geld haben will dennoch gelernt sein. Mir fehlt definitiv die finanzielle Biographie, um beim Bestellen, Trinkgeld, beim Parkplatzwächter selbstbewusst zu performen.

3. Sehr viel Geld kann auch zu absurden Vergnügungen führen. So badete ich tatsächlich in einem Pool, in dem Gerbera schwammen. Das war lustig und ein wenig lächerlich und für Rosen wäre ich empfänglicher gewesen. Aber am Ende des Tages ist vieles dann eben doch eine Soap Opera ohne billigen Vorspann.

4. Luxus allerdings ist herrlich. Wir haben ihn so genossen!

5. Was Luxus ist? Hier waren es „Raum“ und „Sorgfalt“. Alle haben genug Platz. Für alle ist genug da. Der Frühstücksguglhupf mag keine Haute Cuisine sein, aber er ist sorgfältig hergestellt, auf den Punkt gebacken. Jemand hat die Zeit investiert, diesen Gugelhupf (und vieles mehr) perfekt vorzubereiten. Insofern ist Luxus auch „Zeit“.

6. Wenn ich also die Hälfte meines Krams aussortieren und die Hälfte meiner Zeit in Ordnung, Sauberkeit und gutes Essen investieren würde, hätte ich den wesentlichen Luxus in meinen Alltag integriert. Leider stört mich dabei meine Arbeit.

7. Luxus bleibt Menschen verwehrt, die sich keine Zeit von anderen Menschen kaufen können. Fazit: Wir müssen Zeit klauen!

Randnotizen IV

Ein langes Wochenende ist rum – mal wieder Zeit für ein paar Notizen aus meinem Alltag. Dieses Mal mit vielen Arztgesprächen, obwohl ich gar nicht krank war, einem philosophischem Gespräch in kindlichen Begriffen und meditativen Aufenthalten an einer Baustelle. Das Beitragsbild zeigt einmal mehr meine Pinnwand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Den Gutschein kann ich vermutlich nicht mehr einlösen, oder?

Ich bin mit dem Sohn auf dem Spielplatz. Er spricht neuerdings sehr viel. Gerade hat es eine vertrocknete Pflanze entdeckt und zerrt daran.
– Mama, Mama!
+ Das ist eine Pflanze. Die ist tot.
– Fanze. Fanze dit. Dit!
Es ist das erste Mal, dass ich höre, dass mein Kind das Wort „tot“ ausspricht. Ich merke, wie er prüft, was das neue Wort bedeuten könnte. Wieviele philosophische Denkschulen habe ich mit meinen sieben Wörtern jetzt umgesetzt oder nicht umgesetzt?

Arztgespräche

Arztgespräch I: Mit meinem Sohn unterwegs: Der Gehweg ist ein Stehweg. Er fummelt also an einem Zaun rum, ich warte mütterlich-geduldig-resigniert-die Sonne genießend. Eine junge Frau kommt mir entgegen, schiebt ihr Rad mit Kindersitz, lebhaft telefonierend. Sie kommt mir bekannt vor. „Klar, ich mach das gerne! Operieren, das kann ja jeder Handwerker…“ Klar, das ist meine Orthopädin!

Arztgespräch II: Ich werde noch eine Weile vor diesem Zaun stehen, und deshalb schweife ich ab, zu einem anderen Arztgespräch – schwanger (noch geheim) stand ich am Burgermeister und zog mir Pommes rein (nur das ging). Am Nebenstehtisch wieder eine lebhafte junge Frau, offenbar vom Klinikum Borna (bekannt für einen sehr bedürfnisorientierten Stil im Kreißsaal): Wassergeburt sei doch eklig, da sträube sich ja schon alles in ihr dagegen, ein Kind in dieses verkeimte Wasser zu kriegen. Sie stünde den ganzen Tag im OP, ja, Kaiserschnitte. Ja, unter der Haut sei so eine weiße Schicht, die man dann so mit den Fingern auseinander zöge, aber schneiden müsse man natürlich trotzdem. Und so weiter. Ach, denke ich, wäre es nicht schön, wenn ich nicht wüsste, wie über das, was mir möglicherweise bevorsteht gesprochen wird?

Achtsames baggern

Um eine Straße vom Asphalt zu befreien, muss man mit einem Bagger zuerst behutsam die Versiegelung aufknacken, was sehr genaue und sensible Bewegungen des Steuerknüppels erfordert. Anschließend schiebt man die Kante der Schaufel des Fahrzeugs sorgfältig unter die Asphaltschicht und hebt diese leicht an, so dass sie sich hochwölbt und im Idealfall auf einer Länge von 1-2 Metern abbricht. Die so entstehende Platte lässt sich nun mit viel Geschick nochmal zusammen falten, so dass sie in der Mitte bricht. Solchermaßen „handlich“ geformte Stücke können nun leicht abtransportiert werden.

Um sich dieses Wissen anzueigenen, muss eine Theaterwissenschaftlerin lediglich Mutter werden.

Edit: In einer früheren Version dieses Textes war von einem Radlader die Rede. Inzwischen (und nach mehreren Monaten intensiver Bautätigkeit auf der Karl-Liebknecht-Straße) kenne ich den Unterschied zwischen Radladern und Baggern. Natürlich habe ich den Sachfehler im obigen Text daraufhin sofort (nach ca. 2 Monaten) behoben. Man muss natürlich einen Bagger benützen!

Im letzten Jahr geliebt: Kinderbücher

„Im letzten Jahr gelernt“ – mit einer langen Aufzählung beendete ich vor einem Jahr hier auf dem Blog meine Elternzeit. Geblieben ist die Lust darauf, häufiger zu würdigen, was für tolle künstlerische Werke oder Orte ich dank des Mutter-Seins jetzt entdecken kann. Deshalb hier meine Lieblingskinderbücher aus dem letzten Jahr – keine Geheimtipps, sondern eine persönliche Zusammenstellung der Bücher, die mir (ja, mir!) im letzten Jahr am meisten Spaß gemacht haben.

An erster Stelle: Wimmelbücher

Dazu gehören ganz vorne die „Wimmelbücher“ von Rotraut Susanne Berner – das Herbst-Wimmelbuch musste ich phasenweise 1 Stunde am Tag akribisch durcharbeiten, mit Tiergeräuschen und allem. Die Welt von Wimmlingen ist unglaublich reich, Personen, Tiere und Geschichten werden über mehrere Bände immer wieder aufgegriffen und entwickeln sich weiter (Kinder werden geboren, Baustellen werden zu Häusern…), wie das Leben eben so ist. Und das Beste: Der Humor. Wenn die Nonne für den Laternenumzug extra eine Pinguinlaterne besorgt, dann macht das Gesamtbild einfach Spaß.

Das Wimmelbuch an sich ist allerdings längst als Marketing-Instrument entdeckt worden, und somit haben wir hier einiges an Literatur angesammelt. Hervorheben möchte ich die Ausgabe des Zoos Leipzig: Ausnahmsweise einfach dafür dass sie meinen politischen Ansprüchen genügt. Kinderbücher sind natürlich eine Kunstform und kein Erziehungsmaterial. Doch gerade weil der Zoo Leipzig eben in Sachsen liegt ist es ein Statement, dass hier Kinder aller Hautfarben, Kinder mit Behinderungen, Väter und Mütter in der Betreuungsrolle etc. völlig selbstverständlich ihre Abenteuer erleben. Zum Vergleich: Im „Leipzig Wimmelbuch“ kommen Frauen im Porsche-Werk nur auf der Besucher_innenebene vor (zusammen mit Kindern), schwarze Menschen sind praktisch nicht sichtbar usw. Dies dürfte den hiesigen Erwartungen im Großen und Ganzen entsprechen. Schön, dass der Zoo das anders macht!

„Das kenn ich schon!“ – ein famoses Bildwörterbuch von Moni Port. Gekauft habe ich es, weil ich den Prozess der Kategorienbildung im Spracherwerb so spannend finde. So hatte mein Neffe zeitweise ein Wort für alles, was cool ist und sich bewegt: also Tiere und Busse. Moni Port bedient in ihrem Buch die klassischen Kategorien, bricht aber auch immer wieder aus, wenn das Kuscheltier den Tieren zugeordnet wird und der alte Schuh der Natur – denn da wurde er schließlich gefunden. Ein großer Fan bin ich natürlich von der Kategorie NEIN!

Erste Geschichten

Die Geschichte „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ – die habe ich mir schon im Studium gekauft. Gute Literatur über Kacke, da muss man doch zugreifen. Wunderbar, die spannenden Teile der Geschichte mit der Beschreibung weicher, duftiger Tatsachen immer in Klammern zu setzen. Tatsächlich die erste Geschichte, die mein Sohn sich von Anfang bis Ende vorlesen ließ.

Die zweite war natürlich „Die kleine Raupe Nimmersatt“, oder wie es hier liebevoll genannt wird: „Raupesatt“. Kennt jeder: DIE Geschichte einer Metamorphose, wunderschöne Bilder, Löcher zum Finger reinpieken. Das Lieblingsbuch von George W. Bush. Somit wissen wir, dass er wenigstens ein gutes Buch gelesen hat.

Gut bebildert

Unzerreißbar, nicht mit Wasser aufzuweichen, extrem leicht – das Material war der Grund dafür, dass ich „Kunterbunt, na und“ von Guido van Genechten gekauft habe. Sehr praktisch, wenn Bücher auch gern als Nachspeise umgenutzt werden! Die Illustrationen sind allerdings einfach und trotzdem doppelbödig: Alle Krokodile haben eine Farbe, nur eins ist anders… Erst nach zig Durchgängen habe ich bemerkt, dass sich die Tiere nicht nur in puncto Farbe unterscheiden, sondern es auch immer noch andere Details gibt, so dass plötzlich ein ganz anderes Exemplar aus der Reihe tanzt. Echt gut gemacht!

Das Möge-Buch – so nennen wir „Ich mag“ von Constanze von Kitzing. Aus der Stadtbibliothek spontan herausgegriffen war es ein großer Erfolg. Die Struktur ist einfach: Ein Kind sagt, was es mag, auf der nächsten Seite genießt es genau das. „Ich mag den Regen!“ – „Ich mag kleine Sachen!“ – „Ich mag Baustellen!“ Mein Sohn kann es schon jetzt komplett „vorlesen“. Bilder und Ideen sind ein echter Genuss: So schön! So viel Tiefe! So viel Humor! Mein Highlight ist natürlich der Junge, der es mag, nachzudenken: bewegungslos mit angedeutetem Augenrollen. Das mag ich auch.

Ebenfalls aus der Stadtbibliothek kommt „Kleiner Bruder, großer Bruder“ von Inka Friese und Elena Shumilova, das ich einfach nur für mich mitgenommen habe. Es ist selten, dass eine Geschichte mit Fotos illustriert wird, und diese hier sind so idyllisch, dass ich sofort hineinschlüpfen möchte. Ein wenig beobachte ich an mir auch die Tendenz, die Geschichte als kitschig abzutun; doch das ist unfair. Sie erzählt von zwei, bald drei Brüdern, von großer Verlustangst und Trauer in einem Klima von Geborgenheit. Solche Geschichten könnten wir alle öfter brauchen.

…und was zum Singen!

Und zum Abschluss noch ein Kracher: „Das kleine Kinderliederbuch“ (gesammelt von Anne Diekmann). Das haben schon mein Bruder und ich zerfleddert, und es macht großen Spaß, die Lieder laut und falsch zu schmettern und die deftigen Bilder von Tomi Ungerer zu bestaunen (Brüste, Blut, „Kind Popo?“-alles dabei). Wir sollten alle öfter singen, oder?

Das waren sie, meine Highlights. Über Tipps freue ich mich sehr. Und wenn ihr in Leipzig wohnt: Geht alle in die Buchhandlung Serifee. Da sehen wir uns dann!

PS: Da ich weder von Serifee, noch von irgendeinem Verlag Geld für diesen Post bekommen habe, dürft ihr euch die Verlagsinformationen im Zweifel selbst raussuchen. Aber das lohnt sich!